theoretische Grundlage


INHALT:

       1. EINLEITUNG
       2. DIE THEORETISCHE EINBETTUNG
       3. DAS MENSCHENBILD
       4. DAS ZIELSPEKTRUM
       5. DIE SECHS ECKPFEILER DER KUNSTPÄDAGOGISCHEN ARBEIT
       6. DEFINITION DES BEGRIFFS "KUNST"
       7. DEFINITION DES BEGRIFFS "ÄSTHETIK"
       8. VOM SCHAFFENDEN ZUM_ZUR KÜNSTLER_IN
       9. DER SCHAFFUNGSPROZESS
       10. DIE RAHMENBEDINGUNGEN ALS CHANCE UND RISIKO
       11. DIE MASSGEBENDEN RAHMENBEDINGUNGEN ALS ORIENTIERUNG
       12. DAS MATERIAL ALS LEBENSWELTLICHE RESSOURCE
       13. DAS WERK ALS VIELDIMENSIONALES MANIFEST
       14. DAS WERK ALS STELLVERTRETER FÜR DEN KÜNSTLER
       15. DAS WERK ALS MEDIUM DER KOMMUNIKATION
       16. GRUNDSÄTZE/ GRUNDHALTUNG
       17. ROLLE DER PÄDAGOGISCHEN KRAFT
       18. GEBOTE DES ARBEITENS SOWIE DES FÜR- & MITEINANDERS



1. Einleitung
Der Einfachheit halber wird das maskuline Genus „der“ verwendet, das sich übergeordnet auf den Begriff "(der) Mensch" bezieht. Es werden damit alle Geschlechterkonstruktionen angesprochen.

Anders als in gängigen kunstpädagogischen Auseinandersetzungen baut diese kunstpädagogische Arbeit auf einer einfachen Deutung des Begriffs "Kunst", hergeleitet von "künstlich" auf. Als Kunst wird demnach alles verstanden, was durch den Menschen geschaffen ist. Hinzu kommt, dass dieses Geschaffene als Medium verstanden wird und demnach ein Informationsträger ist. Alle weiteren Begrifflichkeiten ergeben sich aus dieser Deutung und sind zum Teil eigene Konstruktionen.

Durch diesen kunstpädagogischen Ansatz wird der Anspruch vertreten, Kunst zu ent-akademisieren und somit neue Möglichkeiten des Zugangs zur Kunst zu ermöglichen. Die Entakademisierung meint den Abbau von Distanz zwischen Kunst und dem Schaffenden (künstlerisch tätiger Mensch) durch die praktische Arbeit mit Werken anderer Künstler_innen und dem eigenen Werk. Das fremde Werk ist in der interaktiven Auseinandersetzung Ausgangs- und Orientierungspunkt für den eigenen Schaffungsprozess. Es bietet zahlreiche Möglichkeiten, neue Erfahrungen zu sammeln, sich selbst zu aktualisieren und weiterzuentwickeln.



2. Die theoretische Einbettung
Die folgende kunstpädagogische Arbeit orientiert sich anteilig an der Theorie der „Ästhetik von unten“ von Fritz Seitz sowie der „Psychologie ästhetischer Wahrnehmung“ von Walter Schurian.

Fritz Seitz  (deutscher Maler, Zeichner und Hochschulprofessor in Hamburg) fordert in seinen Schriften für den Lehrkontext eine „Ästhetik von unten“. Diese „Ästhetik von unten“ rückt die individuellen Eindrücke des einzelnen Menschen in den Mittelpunkt der ästhetischen Erziehung. Nicht die bereits sprachgeformten Eindrücke anderer, beispielsweise Kunsttheoretiker_innen oder berühmte Künstler_innen, zählen, sondern die konkrete Wahrnehmung des einzelnen Menschen. Diese individuellen Erfahrungen sind Ausgangspunkt weiterer Prozesse, in denen der Mensch selbst diese Erfahrungen abstrahiert und sprachlich ausformt. 1,2

Walter Schurian (Psychologe, Soziologe, Anthropologe) befasst sich in seiner Theorie mit der ästhetischen Wahrnehmung als evolutionäre Komponente des menschlichen Daseins. Das Ästhetikempfinden ist demnach Teil der menschlichen Entwicklung und der Entwicklung der Menschheit. Aus diesem Ästhetikempfinden – das „Schöne“ und das „Nicht-Schöne“ - leitet sich die Möglichkeit ab, Dinge anders zu sehen und voneinander zu unterscheiden. Anhand dieser Unterscheidungfähigkeit zeigt sich der evolutionäre Aspekt der ästhetischen Wahrnehmung, da der Mensch von Grund auf darauf ausgelegt ist, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Weiter bedeutet dies, dass der Mensch ein angeborenes Bestreben besitzt, „das Schöne“ wahrzunehmen, also Unterschiede zu machen und (sich) abzugrenzen. Schurian geht davon aus, dass „das Schöne“ sich stets ändert und stellvertretend für die verschiedenen Lebensräume eines Menschen steht. Es ist Orientierung für den Menschen und bietet Möglichkeiten des Träumens, Wünschens und des Verhaltens. 3

1 Vgl. Lingner, Michael (Hg.); Seitz, Fritz (1994): Kunstvermittlung – Weltverwicklung. Schnittstellen ästhetischer Erziehung. Seelze: Friedrich Verlag.
 

2 Vgl. Lingner, Michael (1994): Für eine Kunst der Vermittlung. Zur Herausgabe der Schriften von Fritz Seitz, online unter http://ask23.hfbk-hamburg.de/draft/archiv/ml_publikationen/kt_h-a_94.html (Stand 2004; Zugriff: 20.12.2013).

3 Vgl. Allesch, Christian G. (2006): Einführung in die psychologische Ästhetik. Stuttgart: UTB. 



3. Das Menschenbild
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er ist Teil einer Gemeinschaft. Er hat das Bedürfnis mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und sich mit ihnen sowie durch den Kontakt mit ihnen sich weiterzuentwickeln. Durch den Kontakt mit anderen Menschen erhält der Mensch die Möglichkeit, die Welt aus anderen Perspektiven zu sehen und neu zu entdecken.

Der Mensch ist ein Entdecker. Der Mensch entdeckt die Welt, indem er Einfluss auf diese nimmt. Er experimentiert mit den Gegebenheiten der Welt. Er schafft Neues, indem er Vorhandenes miteinander kombiniert oder verändert.  

Der Mensch ist ein Lerner. Der Mensch ist in der Lage neue Fähigkeiten zu erlernen und Inhalte aufzunehmen. Er hat nie ausgelernt. Gleichermaßen kann er bereits vorhandene Fähigkeiten verlernen oder Inhalte vergessen. Der Mensch aktualisiert sich stets selbst, orientiert an den jeweils gegebenen Lebensumständen.

Der Mensch lebt in seiner Welt. Der Mensch ist geprägt durch seine Lebensumstände. Die Umstände, unter denen der Mensch aufwächst und lebt, prägen ihn für sein Leben. Sie haben  Auswirkungen auf sein Denken, Fühlen und Handeln.

Der Mensch strebt nach Selbstverwirklichung. Jeder Mensch hat Wünsche und Träume. Sein Dasein richtet der Mensch nach diesen bewusst oder unbewusst aus. Sie münden in entsprechendem Handeln des Menschen.



4. Das Zielspektrum
Folgende Ziele können über diese theoretische Grundlage fokussiert werden. Das Zielspektrum zeigt eine Auswahl möglicher Zielsetzungen auf, die je nach Schwerpunktlegung in der eigenen Arbeit relevant sein können.

Der schaffende Mensch erhält die Möglichkeit…

  • sich während des gesamten Schaffungsprozesses zu aktualisieren und selbst zu reflektieren. 

  • durch den Schaffungsprozess und die Darstellung des eigenen Werkes neue Erkenntnisse über sich und seine Umwelt zu gewinnen.

  • auf Grundlage künstlerischer Arbeiten sozialpädagogische Gesprächsanlässe zu schaffen.

  • Kunst als Möglichkeit zu erfahren, um das eigene Erleben zu erkunden und innere Bilder darzustellen.

  • sich darin zu üben, eigene innere Bilder verbal und gestalterisch darzustellen.

  • seine eigenen Gefühle annehmen zu lernen und diese verbal oder gestalterisch darstellen zu können.

  • sein eigenes Ästhetikempfinden bewusst werden zu lassen und (weiter) zu entwickeln

  • an Selbstsicherheit in Darstellungssituationen durch Routine in der verbalen Selbstdarstellung und Darstellung der eigenen Werke zu gewinnen.

  • eigene gestalterische Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erkunden, sich anzueignen, zu erweitern und auszudifferenzieren.

  • sich Wissen über Kunstgeschichte, Künstler_Innen und künstlerische Arbeitstechniken anzueignen.



5. Die sechs Eckpfeiler der kunstpädagogischen Arbeit: Lebensweltbezug, Entakademisierung, Selbstaktualisierung, Ausdruck, Individuation, Nachhaltigkeit.


Die pädagogische Fachkraft ist Mitgestalter der Rahmenbedingungen und Begleiter im Schaffungsprozess. Sie ist mit der Lebenswelt des Schaffenden vertraut, wodurch es ihr möglich ist, optimale Rahmenbedingungen zu schaffen. Optimale Rahmenbedingungen ergeben sich einerseits durch den passenden Anschluss der Aktivität an den Status Quo – die aktuellen Lebensumstände inklusive der Interessen, Fähigkeiten, Bedürfnisse, Wünsche, Träume - des Schaffenden sowie andererseits aus der Möglichkeit der Übertragbarkeit der im Rahmen der Aktivität gemachten Erfahrungen durch den Schaffenden in die eigene Lebenswelt unabhängig von der pädagogischen Fachkraft. Auch zeigt die pädagogische Fachkraft dem Schaffenden bei Interesse Zugänge zu Orten der Kunst wie beispielsweise Museen, Theater, oder auch Werkstätten auf. (Lebensweltbezug)

Für die pädagogische Fachkraft bedeutet die Entakademisierung die bewusste Auseinandersetzung mit bestehenden ausgrenzenden Strukturen, um diese zu verstehen und zugunsten des Schaffenden soweit zu wandeln, sodass sie an seiner Lebenswelt anschließen und folglich genutzt werden können. Die pädagogische Fachkraft baut demnach Brücken zwischen bestehenden Sinnstukturen der Kunst als Disziplin und den Schaffenden durch selbst geschaffene - gewandelte - Sinnstrukturen. (Entakademisierung)

Der Schaffende bekommt die Möglichkeit geboten, sich selbst durch die Gestaltung eigener Werke neu kennen zu lernen. Die pädagogische Fachkraft ist Begleiter in diesem Selbsterkenntnisprozess und schafft gemeinsam mit dem Schaffenden Ressourcen, um diese Neuerfahrungen zu ermöglichen. In einem wertungsfreien, aber nicht wertefreien Milieu, wird der Teilnehmende zum Schaffenden und kann eigene Bewusstseinskonstruktionen reflektieren und aktualisieren. (Selbstaktualisierung)

Er entwickelt die eigene Kommunikationsfähigkeit weiter, um eigene Bewusstseinskonstruktionen zum Ausdruck zu bringen und sich seiner Umwelt mitzuteilen. Hierbei bedient er sich seiner eigenen schöpferischen Fähigkeit oder nutzt bereits Existentes und formt dieses für seine Zwecke um. (Ausdruck)

Das Ästhetikempfinden des Schaffenden ist ein zu wahrendes und zu förderndes Gut. Die pädagogische Fachkraft ist angehalten dieses zu respektieren und Unterstützungsmöglichkeiten zu bieten, sodass dem Schaffenden das eigene Ästhetikempfinden bewusst wird und der Schaffende das Selbstvertrauen fassen kann, zu seinem Ästhetikempfinden zu stehen. (Individuation)

Der Bezug zur Lebenswelt des Schaffenden soll sicherstellen, dass der Schaffende gesammelte Impulse, Erfahrungen und entstandene Ideen auch außerhalb dieses Milieus anwenden und umsetzen kann. Der Schaffende wird demnach befähigt selbstständig und unabhängig schaffend zu werden. (Nachhaltigkeit)


6. Definition des Begriffs "Kunst"
Kunst ist das Ergebnis eines Schaffungsprozesses. Im Schaffungsprozess wird der schaffende Mensch zum Künstler. Im Schaffungsprozess entsteht das Werk. Der Künstler selbst bestimmt, wann das Werk als abgeschlossen gilt. Die erste Umsetzung der ursprünglichen Idee ist bereits ein Werk.
„Wann ist mein Werk für mich abgeschlossen? Warum ist meine Arbeit am Werk noch nicht beendet?“
Kunst leitet sich von dem Wort „künstlich“ her. Kunst umfasst alle Erzeugnisse eines Schaffungsprozesses, die durch den Menschen geschaffen werden und Medium des Schaffenden sind.
„Warum ist das Werk des berühmten Künstlers ein Kunstwerk, aber mein eigenes Werk soll kein Kunstwerk sein?“
Kunst ist ein Mittel zur Darstellung des Daseins eines Menschen. Das Dasein ist die Summe aller persönlichen Bezüge zur Welt. Hierzu zählen u.a. Interessen, Vorlieben, Abneigungen und Erfahrungen. Das Dasein ist Grundlage für den Blick des Menschen auf die Welt. Das Dasein prägt somit die Brille, mit der der Mensch die Welt betrachtet und Erkenntnisse über diese Welt zusammensetzt. Jeder Mensch nimmt demnach auch für wahr, was er auf Grundlage seines Daseins wahrnimmt. Demzufolge gibt es keine objektiv wahre Erkenntnis über die Welt, sondern nur subjektive wahre Erkenntnisse über die Welt. Jeder Mensch schafft sich seine eigene Wahrheit. Es gibt keine objektive Wahrheit. Das Werk trägt auch keine objektive Wahrheit, da es von jedem Betrachter mit der Brille des eigenen Daseins gesehen wird.
„Welche Bezüge erkenne ich in dem Werk zum Künstler? Welche Eindrücke und Gefühle habe ich?“
Das Dasein des Menschen ergibt sich aus den zeitlichen Komponenten der Vergangenheit, Gegenwart und der Zukunft. Diese zeitlichen Komponenten gehen ineinander über und beeinflussen sich gegenseitig. Zu der Komponente der Vergangenheit zählt u.a. der Erfahrungsschatz, der über die Gegenwart hinaus in die Zukunft den Menschen in seiner Persönlichkeit geprägt hat. In der Gegenwart beeinflussen bestehende Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel die Werte und Normen, das Dasein. Der Mensch plant und strukturiert seinen Alltag in Hinblick auf Ziele, die er verfolgt. Jeder Mensch hat gewisse Perspektiven, Zielvorstellungen und Motive im Leben, die ihn antreiben und wodurch er sich in gewissen Bahnen einfindet, um diese Ziele zu erreichen. Der Mensch ist zukunftsorientiert. Die Zukunft beeinflusst indirekt die Gegenwart und somit die Wahrnehmung des einzelnen Menschen. Diese Zeitkomponenten sind einflussgebend für die persönlichen Anteile, die der Künstler in sein Werk projiziert und einarbeitet. Das Werk trägt demnach, wie der Künstler, alle Zeitkomponenten in sich.
„Was sagt mein Werk über mich aus? Wo erkenne ich mich in meinem Werk wieder? Was erkenne ich von mir in meinem Werk wieder?“


7. Definition des Begriffs "Ästhetik"
Ästhetik wird als Wohlempfinden, erzeugt durch einen Eindruck – in diesem Fall ein Werk -, verstanden. Das Werk wird über die Sinneskanäle erfasst und löst innere Prozesse beim Betrachter aus. Ist ein Werk ästhetisch ansprechend, erzeugt dieses Werk ein Wohlempfinden. Ästhetik basiert demnach auf subjektiven Prozessen und ist subjektiv.
„Was empfinde ich als ästhetisch ansprechend? Warum empfinde ich es als ästhetisch ansprechend?“



8. Vom Schaffenden zum Künstler
Der Künstler und der Betrachter sind Teil der Gesellschaft. Da der Mensch im Kontext des Gesellschaftssystems steht und in der Rolle als Künstler sein Dasein in sein Werk projiziert und einarbeitet, steht auch das Werk im Kontext der Gesellschaft. Der Künstler kommuniziert i. d. R. einseitig mit dem Betrachter durch das Werk als Medium. Nur selten hat der Betrachter die Möglichkeit mit dem Künstler direkt zu kommunizieren. Es kann demnach auch nur selten eine Regelhaftigkeit in der Kommunikation aufgebaut werden. Das Werk kann demnach Abbild der Gesellschaft sein, so wie der Künstler sie wahrnimmt. Bereits das für das Werk verwendete Material kann Aufschluss darüber geben, welche Ressourcen in der Gesellschaft vorhanden sind. Im Kontext mit weiteren Informationen über den Künstler, die Darstellung des Werkes, eigenen Erfahrungen und Reaktionen anderer Betrachter auf das Werk kann so ein mögliches Bild des Daseins des Künstlers und die Sicht des Künstlers auf das Gesellschaftssystem rekonstruiert werden. Die Darstellung des Werkes beschränkt sich nicht allein auf die Existenz des Werkes an sich, sondern bezieht auch seine Beziehungen zur Realität, u.a. die Anordnung im Raum sowie Erklärungstexte, mit ein. Alle Gegebenheiten, die mit dem Werk in Verbindung stehen, sind der Darstellung des Werkes zuzuordnen.
Kunst spiegelt daher gesellschaftliche Gegebenheiten wieder.
Der Schaffende wird im Schaffungsprozess zum Künstler, da er bewusst und unbewusst diese Bezüge zur Gesellschaft in sein Werk einarbeitet und den Betrachter über sein Werk auf eine selbstreflektive Reise einlädt.
Das Gesellschaftssystem beeinflusst den Künstler in seinem Schaffen. Sitte, Normen und Werte sind Fixpunkte im Schaffungsprozess. Sie beeinflussen den Schaffungsprozess maßgeblich. Seien es die zur Verfügung stehenden Materialien, die legitim oder illegitim in ihrer Nutzung durch das Gesellschaftssystem deklariert sind oder das eigene Bestreben im Schaffungsprozess diesen maßgebenden Rahmenbedingungen zu entsprechen oder zu widersprechen. Sie können eingehalten oder zielgerichtet überschritten werden.


9. Der Schaffungsprozess
Im Schaffungsprozess bringt der Künstler eine gewisse Zeit und Energie auf, um seine Gedanken – eine Idee, einen Traum, einen Wunsch – in die für andere erfahrbare Realität umzusetzen; sie zu objektivieren im Transformationsprozess. Diese Umsetzung der Idee in die für Mitmenschen erfahrbare Realität ist der Transformationsprozess. In erster Linie ist dieser Prozess die Umsetzung eines Gedankenkonstrukts.  Da das Handeln von bewussten und unbewussten Zügen beeinflusst ist, spielen diese auch im Schaffungsprozess eine Rolle. In diesen Transformationsprozess bringt der Künstler eigene bewusste - konkrete Gedanken - und unbewusste – also Einflüsse, denen sich der Künstler nicht bewusst ist – in das Werk ein. Diese bewussten und unbewussten Anteile werden in ihrer Synthese als persönliche Anteile bezeichnet. Diese persönlichen Anteile gehören zum Dasein jedes Menschen. Im Transformationsprozess werden die Gedanken objektiviert. Die Ideen werden zur Manifestation ihrer selbst als real existierende Gegebenheit.

Das Werk ist die Manifestation der persönlichen Anteile. Durch das Werk werden die persönlichen Anteile durch die Mitmenschen persönlich erfahrbar. Die bewussten und unbewussten Anteile manifestieren sich wiederrum als bewusste und unbewusste Informationen im Werk. Demnach werden die bewussten und unbewussten Informationen in ihrer Synthese auch als persönliche Informationen bezeichnet. Der Künstler projiziert also sein Dasein in sein Werk. Dieser Transformationsprozess ist nicht berechenbar oder linear. Er ist Teil des Schaffungsprozesses. Das Werk im Schaffungsprozess gleicht nur selten der ursprünglichen Idee. Sowohl die Vorstellung vom Endresultat des Schaffungsprozesses, also das Ziel, als auch das Werk selbst im Schaffungsprozess verändern sich im Laufe der Zeit. Die ursprüngliche Idee steht im Kontext der bereits vollzogenen Schritte im Schaffungsprozess, des aktuellen Eindrucks vom Werk sowie dem erdachten Ziel. Das Werk wird stetig in diesem Kontext - dem Status-Quo - aktualisiert, wodurch sich auch die Gedanken des Künstlers über bisherige Schritte, Gedanken über den aktuellen Eindruck des Werkes sowie Gedanken über das erdachte Endresultat sich verändern.




10. Die Rahmenbedingungen als Chance und Risiko
Die Rahmenbedingungen umfassen sowohl bewusst gesetzte als auch unveränderbar vorherrschende Zustände, die in ihrem Zusammenwirken den Raum für den Schaffungsprozess ergeben. Die Rahmenbedingungen geben die äußeren Grenzen an, inwieweit der Schaffende im kreativen Prozess beschränkt wird.

Die bewusst gesetzten Rahmenbedingungen sind die maßgebenden Rahmenbedingungen. Die unveränderbaren vorherrschenden Rahmenbedingungen werden als absolute Rahmenbedingungen bezeichnet.



11. Die maßgebenden Rahmenbedingungen als Orientierung
Die Maßgaben stellen die durch die pädagogische Fachkraft oder die_den Schaffende_n bewusst gesetzten Rahmenbedingen für den Schaffungsprozess dar. Sie sollen dem_der Schaffenden im Prozess als Orientierung dienlich sein.



12. Das Material als lebensweltliche Ressource

Die Materialien, die im Schaffungsprozess verwendet werden, sind in der Lebenswelt des_der Teilnehmers_Teilnehmerin erhältlich. Der Erwerb ist mit keinen oder nur geringen Kosten verbunden. Die Materialien sind meist recycelt. Der Umgang mit ihnen ist sparsam, aber dennoch nicht einschränkend im Schaffungsprozess.

Je nach Zielsetzung stehen entsprechende Materialien zur Verfügung. Die Annäherung an für den_die Teilnehmer_in unbekannte Materialien wird durch die pädagogische Fachkraft begleitet.

Es sollte eine Vielzahl an Materialien zur Verfügung stehen, die eine Vielzahl an Sinneseindrücken und entsprechenden neuen Erfahrungen ermöglichen. 



13. Das Werk als vieldimensionales Manifest
Ein Werk besteht aus einem Zusammenspiel vieler verschiedener Elemente. Elemente eines Werkes werden von dem_der Teilnehmer_in immer subjektiv bestimmt. Diese Elemente lassen sich in verschiedenen Dimensionen erfassen. Dies kann angeleitet in einer Werkbetrachtung geschehen. 


14. Das Werk als Stellvertreter für den Künstler
Entscheidend für die Identifikation des Künstlers mit seinem Werk als (End-)Resultat des Schaffungsprozesses sind die eigenen bewussten Anteile, die durch den Künstler in das Werk eingeflossen sind oder einfließen werden. Ist die Idee des Werkes durch den Künstler entstanden oder wurde er beauftragt dieses Werk nach gewissen maßgebenden Rahmenbedingungen zu erstellen? Je vielfacher die maßgebenden Rahmenbedingungen durch Außeneinwirkung im Schaffungsprozess des Werkes sind, desto größer sind die fremden Anteile in dem Werk und desto weniger kann der Künstler sich mit seinem Werk identifizieren. Durch die maßgebenden Rahmenbedingungen steckt die pädagogische Fachkraft bewusst den Rahmen des Schaffungsprozesses ab. Kunst, die nach direkter Anleitung, also eins-zu-eins, umgesetzt wird und wenig Spielraum für eigene Ideen lässt, hat einen geringeren Identifikationsgrad als ein Werk, das vornehmlich durch Ideen des Künstlers entstanden ist. Hier wird häufig einem Ideal nachgestrebt, dass in der ersten Auseinandersetzung zwar befriedigend wirkt, aber schnell wieder an Identifikationswert für den Künstler verliert, da es nur das Momentum eines Bedürfnisses befriedigt. Dennoch sind derartige Angebote besonders für Künstler wichtig, die bisher wenig Erfahrung auf einem künstlerischen Gebiet sammeln konnten und daher relativ orientierungslos im Schaffungsprozess sind. Es fehlt an Erfahrung im Umgang mit Material, aber auch der eigenen Kreativität, dem Selbstvertrauen in das eigene Handeln und die Resultate dieses Handelns. Entweder der Künstler ordnet sich unter, richtet den Schaffungsprozess nach den maßgebenden Rahmenbedingungen komplett aus und erhält mit hoher Wahrscheinlichkeit Anerkennung, beispielsweise in Form von Lob, guten Noten, Annahme als Teil des Systems, oder er verlässt den Raum der maßgebenden Rahmenbedingungen und riskiert negative Reaktionen durch den Betrachter.

Zwei wichtige Faktoren im und für den Schaffungsprozess sind Selbstvertrauen und die Fähigkeit angemessen mit negativer Rückmeldung umgehen zu können. Zum Letzteren zählt auch die bewusste Unterscheidung zwischen dem Selbst als Künstler und dem Werk an sich als zwei differente Existenzen.

Der Schüler, der in der Schule ein Werk Van Goghs kopieren soll, hat das Bedürfnis eine gute Note zu erhalten – er ist abhängig von dem Notensystem. Eigene Ideen sind nicht gefragt. Die maßgebenden Rahmenbedingungen sind vielfach. Es ist kein Spielraum gegeben. Jede Abweichung hat zur Folge, dass die Deckung des Bedürfnisses gefährdet wird. Ist das Werk vollendet, d.h. entspricht es den Erwartungen des Umfeldes, erhält der Künstler die Befriedigung seines Bedürfnisses. Er erhält eine Note. Die Note verkörpert, dass er den Ansprüchen des Systems im entsprechenden Maße entspricht. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung ist gestillt. Der Schüler lernt in diesem Fall durch diese Art von Bestärkung, dass es erstrebenswerter ist den Maßgaben des Systems zu entsprechen als selbstschaffend kreativ tätig zu werden, eigene Ideen zu verwirklichen und zu riskieren, dass er nicht den Maßgaben des Systems entspricht. Mit der steigenden Anzahl entsprechender Erfahrungen bewegt der Künstler in der Ausrichtung immer weiter weg von seinen inneren Ideen und wird abhängig von Maßgaben des Umfeldes. Der Schaffungsprozess verkommt zum Mittel zum Zweck, um Anerkennung zu erhalten, die Zugehörigkeit zum System sicherzustellen und die Selbstverwirklichung eigener Wünsche, Ideen und Darstellung innerer Wahrheiten werden immer mehr verdrängt. Nur selten gibt es Fälle von Schülern, die aus diesem Abhängigkeitssystem sich entziehen und eine entsprechende Benotung in Kauf nehmen.

Auf Grundlage der Idee der Projektion und Einarbeitung persönlicher Anteile in ein Werk leitet sich ab, dass jede Kritik, die an einem Werk geübt wird, auch immer eine Kritik am Künstler als Mensch ist. Das Werk ist Stellvertreter für den Künstler. Kritik, die gegenüber dem Künstler geäußert wird, muss daher wohl überlegt sein und sollte in Ich-Botschaft-Form erfolgen und einen konkreten Umstand beschreiben.



15. Das Werk als Medium der Kommunikation
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Grundlage des Sozialen ist Interaktion. Übergeordnet zur Interaktion steht die Kommunikation. Sie bedient sich Medien als Träger von Informationen. Das Werk ist ein Medium.

Das Werk entsteht durch das Bedürfnis eigene Ideen, Gedanken und Gefühle mitzuteilen, greifbar zu machen oder festzuhalten, sie aber in jedem Fall in eine andere Realität zu transformieren. Der Künstler teilt mit seinem Werk etwas von seinem Dasein mit. Das Werk ist daher Träger von Informationen. Das Werk ist Medium in der Interaktion, genauer Kommunikation, zwischen Künstler und Betrachter. Somit ermöglicht Kunst die Teilhabe der Mitmenschen an dem Dasein des Künstlers und die Kommunikation des Künstlers mit Individuen der Gesellschaft.

Je nachdem, wie sinnhaft, umfangreich und detailreich der Künstler in seinem Werk seine bewussten Anteile darstellt, desto wahrscheinlicher ist, dass der Betrachter des Werkes sich mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen den bewussten Anteilen des Daseins des Künstlers annähert.
Sinnhaft meint die Kohärenz zwischen Bezügen zur Welt des Künstlers und den Bezügen zur Welt des Betrachters, wodurch eine motivnahe Interpretation sowie ein optimales Herauslesen der bewussten Informationen im Werk des Künstlers gegeben sind. Diese Bezüge können Medien sein, die beiden nutzen, aber auch ähnliche Erfahrungen sein. Umfangreich ist ein Werk, wenn es verschiedene Ansatzmöglichkeiten besitzt, um bewusste Informationen herauslesen zu können. Dies wären beispielsweise Beschreibungstexte, eine sinnhafte Form oder auch Größe. Detailreich meint eine breite Masse an Informationseinheiten, die miteinander im Werk verbunden sind, woraus sich eine detaillierte Darstellung bestimmter Gegebenheiten ergibt.

Durch das Interpretieren und Lesen der Informationen des Werks kann der Betrachter demnach etwas über das Dasein des Künstlers erfahren. Oft  sind die bewussten Anteile des Daseins des Künstlers über den Titel des Werkes oder dazugehörige Erklärungen ohne große Anstrengungen für den Betrachter zugänglich. Unbewusste Anteile könnten verdrängte oder vergessene Erfahrungen, Typisierungen, aber auch Ängste des Künstlers sein. Sowohl die unbewussten als auch die bewussten Anteile erschließen sich für jeden Menschen mit unterschiedlichem Aufwand. Auch ist es nicht gewährleistet, dass sich beide Anteile oder überhaupt auch nur ein Anteil erschließen lässt. In jedem Fall lässt sich niemals die Gesamtheit der persönlichen Anteile erschließen.

Eine völlige Kongruenz zwischen dem, was der Künstler in sein Werk bewusst oder unbewusst hineinprojiziert hat, zu dem, was der Betrachter aus dem Werk liest oder was das Werk bei ihm auslöst, ist nicht möglich, da die Gedanken und Gefühle in Abhängigkeit zur Wahrnehmung jedes einzelnen Menschen stehen und demnach subjektiv sind. Im Endeffekt bestimmt nicht das Werk, was in uns ausgelöst wird, sondern die Erfahrungen, die der Betrachter besitzt, wie er das Werk liest.
Das, was vermittelt werden soll oder das, was der Künstler aus seinen eigenen Gedanken und Gefühlen in dem Werk manifestiert hat, wird niemals komplett dem Empfinden entsprechen, was beim Betrachter ausgelöst wird, wenn er in Kontakt mit dem Werk kommt. Demnach gibt es auch keine richtige oder falsche Kunst, da es auch keine objektiv richtige oder falsche Erkenntnis vom Werk gibt.

Entscheidend für die Annäherung von Betrachter an Künstler ist die Anschlussfähigkeit des Werkes an das Dasein des Betrachters. Der Künstler muss bewusste Informationen so in das Werk einarbeiten, dass der Betrachter wenig Interpretationsspielraum hat und sich das Werk ohne große Anstrengung erschließen kann, wenn er den Anspruch hat etwas zum Ausdruck zu bringen, was durch den Betrachter auch möglichst verstanden werden soll, wie es gemeint ist. Das Werk muss sinnhaft, umfangreich und detailreich sein.
Durch den eigenen Stil und immer wiederkehrende Elemente in einer Serie von Werken kann der Künstler den Interpretationsspielraum verkleinern. Immer wiederkehrende Stilelemente des Künstlers treten aus der Masse der Werke heraus, wodurch der Zugang zu bewussten Informationen des Werkes erleichtert wird. Was will der Künstler mitteilen? Was sind grundsätzliche Themen, die er behandelt?
Dem Künstler wichtige Themen, die in die Serie der Werke oder alle Werke des Künstlers einfließen, bieten Orientierungshilfen beim Lesen der bewussten Informationen des Künstlers durch das Werk.

Ausschlaggebend für das Erschließen der Informationen über das Dasein des Künstlers ist die Motivation des Betrachters im Umgang mit dem Werk des Künstlers. Die Motivation des Betrachters schlägt sich in der Art und Weise der Betrachtung nieder. Findet der Betrachter einen Zugang zum Werk, also kann er sich einen Bezug erschließen, oder nicht? Der Bezug zu einem Werk ergibt sich für den Betrachter aus der Erkenntnis über die wohlmögliche Aussage eines Werkes, die der jeweilige Künstler wohlmöglich damit tätigen wollte. Kann der Betrachter sich keinen subjektiv erdachten Sinn aus einem Werk erschließen, sinkt die Motivation zum Willen der Betrachtung des Werkes und es kommt wohlmöglich zur Entwertung des Werkes: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Auch relevant für das Erschließen eines Zugangs ist in Bezug auf die Sinnhaftigkeit der Anschluss der Informationen an das Dasein des Betrachters. Besteht beim Werk kein Bezug zur Erfahrungs- und Erlebenswelt, also zum Dasein, des Betrachters, wird der Zugang erschwert.

Um diesen Zugang zu erleichtern können der Titel des Werkes oder auch entsprechende Erklärungstexte hilfreich sein. Wichtig ist in jedem Fall der Anschluss an die Erfahrungswelt des Betrachters, sodass er sich auf Grundlage seiner Erfahrungen mit dem Werk identifizieren kann. Dies bezieht sich sowohl auf die einzelnen Bestandteile der Präsentation, d.h. Titel des Werkes, das Werk an sich oder auch der Erklärungstext zum Werk, aber auch auf das Zusammenspiel dieser einzelnen Bestandteile. Eine Sinnhaftigkeit muss vorhanden sein.

Kommt dann noch eine Identifikation mit dem Titel des Werkes und dem dazugehörigen Erklärungstext durch den Betrachter hinzu, ist der Zugang enorm erleichtert. Diese Deckungsgleichen ergeben die Sinnhaftigkeit. Je mehr Deckungsgleichen vorhanden sind, desto stärker ausgeprägt ist die Sinnhaftigkeit eines Werkes.

Der Betrachter bekommt die durch den Künstler angedachte Aussage praktisch auf dem Silbertablett serviert. Der Betrachter kann nun Mutmaßungen über das Dasein des Künstlers anstellen. Der Betrachter setzt den Künstler in den Kontext der Informationen, die er aus dem Werk sich erschlossen hat, und zieht daraus Rückschlüsse auf das Dasein des Künstlers.

Je mehr bewusste Informationen er faktisch durch den Künstler direkt über den Erklärungstext des Werkes erhalten hat, desto wahrscheinlicher ist eine Annäherung an das reale Dasein des Künstlers. Jede weitere Interpretation erhöht demnach die Gefahr der Entfernung von dem realen Dasein des Künstlers.

Eine reine Interpretation, ohne Erhalt faktischer, bewusster Informationen, entspricht in der Erschließung des Daseins des Künstlers reiner Willkür. Eine Annäherung an das Dasein des Künstlers wäre bloßer Zufall.

Im Endeffekt entscheidet demnach der Künstler, ob er sich mit seinem Werk darstellen möchte oder das Werk für sich eine Nachricht vermitteln soll. In jedem Fall lässt es Rückschlüsse auf sein Dasein zu. Der Künstler hat in diesem Fall die Macht durch gezielte Verschleierung zu verhindern, dass der Betrachter sich Informationen über das Dasein des Künstlers erschließen kann. Andererseits kann der Künstler in seinem Werk sein gesamtes Dasein offensichtlich darlegen und nur wenig Interpretationsspielraum zulassen. Hierfür bietet sich ein Medium an, dessen Sinnhaftigkeit der breiten Masse der Betrachter gegeben ist.

Ausschlaggebend für das Erschließen der Informationen über das Dasein des Künstlers ist die Motivation des Betrachters im Umgang mit dem Werk des Künstlers. Die Motivation des Betrachters schlägt sich in der Art und Weise der Betrachtung nieder. Findet der Betrachter einen Zugang zum Werk, also kann er sich einen Sinn erschließen, oder nicht? Der Sinn eines Werkes ergibt sich für den Betrachter aus der Erkenntnis über die wohlmögliche Aussage eines Werkes, die der jeweilige Künstler wohlmöglich damit tätigen wollte. Kann der Betrachter sich keinen subjektiv erdachten Sinn aus einem Werk erschließen, sinkt die Motivation zum Willen der Betrachtung des Werkes und es kommt wohlmöglich zur Entwertung des Werkes: „Ist das Kunst oder kann das weg?“

Um diesen Zugang zu erleichtern können der Titel des Werkes oder auch entsprechende Erklärungstexte hilfreich sein. Wichtig ist in jedem Fall der Anschluss an die Erfahrungswelt des Betrachters, sodass er sich auf Grundlage seiner Erfahrungen mit dem Werk identifizieren kann. Dies bezieht sich sowohl auf die einzelnen Bestandteile der Präsentation, d.h. Titel des Werkes, das Werk an sich oder auch der Erklärungstext zum Werk, aber auch auf das Zusammenspiel dieser einzelnen Bestandteile. Kommt dann noch eine Identifikation mit dem Titel des Werkes und dem dazugehörigen Erklärungstext durch den Betrachter hinzu, ist der Zugang enorm erleichtert. Diese Deckungsgleichen ergeben die Sinnhaftigkeit. Je mehr Deckungsgleichen vorhanden sind, desto stärker ausgeprägt ist die Sinnhaftigkeit eines Werkes.

Der Betrachter bekommt die durch den Künstler angedachte Aussage praktisch auf dem Silbertablett serviert. Der Betrachter kann nun Mutmaßungen über das Dasein des Künstlers anstellen. Der Betrachter setzt den Künstler in den Kontext der Informationen, die er aus dem Werk sich erschlossen hat, und zieht daraus Rückschlüsse auf das Dasein des Künstlers.

Je mehr bewusste Informationen er faktisch durch den Künstler direkt über den Erklärungstext des Werkes erhalten hat, desto wahrscheinlicher ist eine Annäherung an das reale Dasein des Künstlers. Jede weitere Interpretation erhöht demnach die Gefahr der Entfernung von dem realen Dasein des Künstlers.

Eine reine Interpretation, ohne Erhalt faktischer, bewusster Informationen, entspricht in der Erschließung des Daseins des Künstlers reiner Willkür. Eine Annäherung an das Dasein des Künstlers wäre bloßer Zufall.

Im Endeffekt entscheidet demnach der Künstler, ob er sich mit seinem Werk darstellen möchte oder das Werk für sich eine Nachricht vermitteln soll. In jedem Fall lässt es Rückschlüsse auf sein Dasein zu. Der Künstler hat in diesem Fall die Macht durch gezielte Verschleierung zu verhindern, dass der Betrachter sich Informationen über das Dasein des Künstlers erschließen kann. Andererseits kann der Künstler in seinem Werk sein gesamtes Dasein offensichtlich darlegen und nur wenig Interpretationsspielraum zulassen. Hierfür bietet sich ein Medium an, dessen Sinnhaftigkeit der breiten Masse der Menschen gegeben ist.

Die Sinnhaftigkeit spielt eine zentrale Rolle in der Aktion mit einem Werk. Wie bereits erwähnt, ergibt sie sich aus der Kongruenz der Erlebenswelten verschiedener Menschen. In Bezug auf ein Werk, ergibt sich die Sinnhaftigkeit aus der Kongruenz der Erlebenswelt des Künstlers und der Erlebenswelt des Betrachters.


16. Grundsätze/ Grundhaltung
Die Folgenden Punkte sehe ich als Grundsätze für meine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Bereich der ästhetischen Bildung:
  1. Der Begriff "Kunst" umfasst sowohl den Prozess des Schaffens als auch das Ergebnis, welches aus diesem Prozess resultiert.
  2. Im Prozess wird der Schaffende_ zum Künstler_. Ein Mensch wird demnach aus dem Versuch heraus seine Gedanken und Gefühle darzustellen zum Künstler_.
  3. Jeder Mensch kann demnach ein Künstler_ sein.
  4. Das Ergebnis dieses Prozesses ist das Werk. Das Werk ist die Manifestation eigener Gedanken und Gefühle in der Realität, die durch die Mitmenschen persönlich erfahrbar ist.
  5. Der Künstler_ entscheidet selbst, ob er sein Werk präsentieren möchte und, ob er sich zu seinem Werk äußern möchte.
  6. Der Künstler_ projiziert seine Person in sein Werk.
  7. Es gibt keine falsche oder richtige Kunst. Das Werk ist die Projektion der Persönlichkeit des Künstlers_.
  8. Kunst ist ein Mittel zum Zweck. Sie kann vielseitig genutzt werden. Für jeden Menschen erfüllt sie eine andere Aufgabe.
  9. Kunst kann unter bestimmten Zielvorgaben geschaffen werden, da während dieses Prozesses die Schaffenden_ unter bestimmten Bedingungen – in einem festgelegten Rahmen – ihre Kreativität nutzen lernen und somit ihre Fähigkeit zur Anpassung an bestimmte Rahmenbedingungen weiterentwickeln. Die Schaffenden_ lernen ihre Vorstellungen an gegebene Bedingungen anzupassen und dennoch zu einem zufrieden stellenden Ergebnis kommen. Außerdem erfahren sie, dass auch in der Kunst das Abstecken eines Rahmens – eine genaue Zielvorstellung zu haben – sinnvoll sein kann.
  10. Im schulischen Kontext werden Bewertungskriterien vor Beginn des Prozesses offengelegt, sodass der Künstler_ sich auf die Bedingungen vor dem Prozess des Schaffens darauf einstellen kann.
  11. Jede/r Künstler_in arbeitet in ihrem/seinem Tempo.
  12. Das Werk darf (nur) durch seinen Künstler_ zerstört werden.



17. Rolle der Pädagogischen Kraft
Die pädagogische Kraft arbeitet auf Grundlage des Menschenbildes dieses kunstpädagogischen Ansatzes. Sie begleitet den Menschen im Prozess des Schaffens. Sie bestärkt den Menschen in seinem Tun, indem sie dem Schaffenden während des Schaffungsprozesses Aufmerksamkeit widmet und Rückmeldung über Fortschritte und Erfolge gibt und diese benennt. Auf Nachfrage gibt sie eine ehrliche Antwort, berücksichtigt hierbei aber das Verhältnis von Entwicklungsstand, Verfassung und Fähigkeiten des Schaffenden. Bei Problemen der Umsetzung bietet die pädagogische Kraft Unterstützung bei der Übersetzung der inneren Bilder durch zirkuläre Fragen.
Alle Angebote werden auf Basis von freiwilliger Teilnahme des Menschen ausgestaltet. Die pädagogische Kraft stellt eine Bandbreite an Werkzeugen und Materialien für den Schaffungsprozess zur Verfügung, sodass der Schaffende entsprechend seiner Vorlieben, Fähigkeiten und Fertigkeiten den Schaffungsprozess möglichst frei, aber dennoch unter bestimmten Maßgaben sowie zielorientiert, gestalten kann. Impulse des Schaffenden werden durch die pädagogische Kraft aufgegriffen und - unter Abwägung der Maßgaben - berücksichtigt.
Die pädagogische Kraft bestärkt das kritische Denken des Schaffenden und bietet Raum, um die eigenen inneren Bilder darzustellen. Das Empfinden und Erleben des Schaffenden ist ein wichtiges Gut, das durch die pädagogische Fachkraft respektiert wird.



18. Gebote des Arbeitens sowie des Für- & Miteinanders
Folgende Umgangsformen und Verhaltensweisen empfinde ich als sinnvoll im Bereich der ästhetischen Bildung mit Kindern und Jugendlichen:
  1. Behandele jeden so, wie du auch behandelt werden möchtest!
  2. Lehne nichts ab, was du nicht selbst ausprobiert hast!
  3. Lasse die Äußerungen deiner Mitmenschen über ihr Empfinden unkommentiert im Raum stehen!
  4. Gib Feedback!
    "Ich fühle/denke... weil...!"
  5. Stelle dein Empfinden möglichst genau in deinem Werk dar!
  6. Arbeite sorgfältig und ausgiebig an deinem Werk!
  7. Beachte die Maßgaben!
  8. Gehe sorgfältig mit den Materialien um!
  9. Teile dein Material mit den anderen Teilnehmern_Teilnehmerinnen!
  10. Sei hilfsbereit und unterstütze die anderen Teilnehmer_innen in ihrem Schaffungsprozess bei Bedarf!